Hallschlag: Geschichten aus dem Alltag.

by Rozana

Der Hallschlag ist ein Viertel von Bad Cannstatt, das wiederum zu Stuttgart gehört. Nicht jeder kennt dieses Viertel, aber die, die es kennen, bezeichnen es auch gerne als “Ghetto von Stuttgart”. Es mag ein Vorurteil sein oder auch nicht, ich selbst besuche dieses Viertel gezwungenermaßen paar Wochen im Jahr, weil dort meine Berufsschule ist. Vielleicht verstärkt sich dieses Klischee auch dadurch, dass genau gegenüber von der Schule viele Sozialwohnungen aneinandergereiht (und ziemlich lieblos) hingeklotzt wurden, vielleicht auch weil diese Schule unter anderem die Möglichkeit zu einem “Berufsvorbereitungsjahr” bietet - in erster Linie nehmen die Jugendlichen diese Möglichkeit wahr, weil sie entweder ihre Schule vorzeitig abgebrochen haben und/oder noch der deutschen Schulpflicht unterstellt sind, aber noch keine Ausbildungsstelle gefunden haben (oder auch finden wollten). In erster Linie sind das dann solche Kids, die “zu cool für diese Welt” sind und keinen Bock auf alles haben. Und davon gibt es viele auf dieser Schule.
Dementsprechend verhalten sie sich auch so - und das wiederum führt dazu, dass im Hallschlag öfters als sonst mal ein Polzeiwagen Patrouille fährt.
Die Kids aus dem Berufsvorbereitungsjahr aber sind auch einer der Gründe, warum die Gegend, besonders um das Schulgelände herum, verhältnismäßig sauber ist.
Denn viele dieser “Coolen” stellen dann gerne dumme Sachen an. Und werden dann zu Sozialstunden verdonnert.
So ist es eigentlich kein fremdes Bild, wenn man, selbst als Schüler, im Pausenhof steht und um einen herum laufen die Jugendlichen in ihren überdimensionierten Markenklamotten, in die sie nie hineinwachsen werden, umher, um das Laub und sonstigen Müll einzusammeln.
Und heute war die Polizei besonders gut gelaunt, denn als die Patrouille im Wagen an den gestraften Schülern vorbeifuhr, ertönte der Lautsprecher in voller Lautstärke mit: “Hey, Du hast da was vergessen!” und fuhr gemütlich weiter.

Es mag vielleicht gehässig sein von der Polzei und auch von denen, die dann laut gelacht haben (auch ich), es mag vielleicht wirklich nicht nett sein, noch lauter zu lachen, weil sich die Gesichtsfarbe der angesprochenen Kids passend zum Rosa der Caps verfärbt hat, weil man ja stets beigebracht bekommen hat, sich nicht auf Kosten Anderer zu amüsieren und so. Aber dieses Mal stehe ich dazu - denn die Jungs stecken das “Müll einsammeln” garantiert besser weg als das “Ausgelacht werden”. Vielleicht gibt es ja noch Hoffnung.

13 Antworten zu “Hallschlag: Geschichten aus dem Alltag.”

  1. Mitleid? Nein, Schadenfreude? Ja!

    In der Regel ist es ja auch so, dass diese coolen Kids eh nur den Müll von sich selbst und Ihresgleichen einsammeln, da der Weg 2m zum Mülleinmer schon zu weit ist. Von daher passt das schon.

    Ich habe weder Verständnis für Menschen, die ihren Müll nicht dahin bringen, wo er hingehört genauso wie ich kein Mitleid dafür empfinde, wenn sie dabei ausgelacht werden. Wieso auch immer! Ich wäre sicherlich auch einer der ersten der ein Nelson HAHA! aus sich herrausbringt :D

  2. Ich dachte, das Ghetto von Stuttgart ist Heumaden… Letztens sah ich eine Gruppe Jugendlicher, die sich um einen Einkaufswagen herum versammelt haben. Da war es nämlich schön kuschlig, nachdem sie darin ein Lagerfeuer entzündet haben. Nur noch die Marshmallows haben gefehlt…

  3. Ganz ehrlich: Ich kann mit der “Alles wollen aber nix dafür tun”-Einstellung der meisten Ghetto-Superstars nichts anfangen.

    Von daher Rozanna: Kein schlechtes Gewissen, ich hätte auch gelacht!

  4. … der war gut!

  5. [...] Rozanna berichtet über Hallschlag, ein Viertel von Bad Cannstatt und sowas wie sozialer Brennpunkt, und eine kleine Begebenheit: So ist es eigentlich kein fremdes Bild, wenn man, selbst als Schüler, im Pausenhof steht und um einen herum laufen die Jugendlichen in ihren überdimensionierten Markenklamotten, in die sie nie hineinwachsen werden, umher, um das Laub und sonstigen Müll einzusammeln. Und heute war die Polizei besonders gut gelaunt, denn als die Patrouille im Wagen an den gestraften Schülern vorbeifuhr, ertönte der Lautsprecher in voller Lautstärke mit: “Hey, Du hast da was vergessen!” und fuhr gemütlich weiter. [...]

  6. Heute, an der gleichen Stelle, wo die Polizei gestern vorbeifuhr und ihren Spruch abgelassen hat, hat sie einen Schadensbericht aufgenommen, nachdem ein Auto beabsichtigt komplett zerkratzt und demoliert wurde.
    Es ist wirklich deprimierend…

    Sympa, nein, Heumaden ist im Gegensatz dazu noch harmlos. Auch wenn damals um die Ecke ein Jugendlicher tödlich zu Brei verschlagen wurde, das war allerdings ein einmaliger Fall (wenn dadurch auch nicht minder tragisch). Nichtsdestotrotz traue ich mich mehr, nachts in Heumaden rumzulaufen als im Hallschlag. Und das tagsüber.
    Es klingt bitter, ist es auch.

  7. Die Frage ist doch: Was soll man denn tun? Ist auslachen und demütigen nun gut oder gerade ein Abgesang auf diese Gesellschaftsschicht, ein Zeichen für unsere Resignation?

  8. Auslachen und Demütigen ist sicher keine Lösung, denn ich bin mir sicher, dass das bei denen nichts ändern wird, höchstens dass sie noch agressiver werden. Bei den Jugendlichen ist schon von Grund auf was falsch gelaufen, vielleicht wird es (wieder) was, wenn sie erwachsen werden.

  9. Scheiß Gruppenzwang, ich kann verstehen wenn man da mitlacht. Aber eigentlich ist es doch traurig armselig sich so über andere Menschen zu stellen ohne wirklich mehr Ahnung als die Bustour von einem Stadtteil zu haben.
    Denn wie sicher ist es denn erstens, daß alle diese Schüler auch aus dem Hallschlag kommen?
    Und zweitens und wichtiger, woher kommt diese “Null Bock Einstellung?”
    Sicherlich ist es eine persönliche Entscheidung auf Gewalt oder kriminelles Verhalten zurückzugreifen um einen gewissen (übrigens gesellschaftlich gesetzten) Status zu erreichen, aber die Etikettierung reicht in diesem Stadtteil bis ins Entstehungsjahr (ca. 1920) zurück.
    Und machen nicht wir als GEsellschaft etwas falsch, wenn wir eine derart große Menge an Menschen so ausgrenzen, daß sich diese Ausgrenzung in erhöhter Gewaltbereitschaft, Kriminalität aber eben auch sonstigen prekären Lebenslagen (Drogensucht, psych. Erkrankung) und das nicht nur auf dem Hallschlag wiederspiegelt. Ich bin selbst in Bad Cannstatt groß geworden auch mit den entsprechenden Etikettierungen zum Hallschlag und ja die Kriminalität ist hier erhöht. Aber wusstet Ihr daß Sie das im gesamten Cannstatter Bereich ist?
    Und wusstet Ihr auch daß Ihr in Eurer Lebenssituation und solltet Ihr noch so zufrieden und finanziell Unabhängig sein deutlich näher an den Menschen dran seid die Ihr da so verkürzt Verurteilt?
    20% der Weltbevölkerung verfügen über 80% des vorhandenen Kapitals! Mit der Kohle - und das ist kein Linksgelaber - könnte man nicht nur diesen Menschen bessere Chancen einräumen sondern nebenbei auch diverse sogen. Dritteweltländer nachhaltiger Unterstützen als dies Momentan der Fall ist.
    Also denkt mal drüber nach auf wen Ihr sauer sein solltet und Wer hier eigentlich die wirklich Kriminellen sind (und bei Selbstanzeigen Straffrei davonkommen!!!)

    Ich bin nicht für: Alles für Alle und zwar umssonst, Arbeiten sollte aber für alle lohnenswert möglich sein.
    In sogenannten Sozialen Brennpunkten oder neudeutsch verharmlost “Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf”
    ist dies definitv für wenige Möglich, daher kommt die Resignation ebenfalls und nicht nur aus verkürzt etikettierter Faulheit!!!
    So das war´s vom Sozialpädagogen aus dem Hallschlag!

  10. Ach ja noch nen kleinen Ad.
    Wir hatten hier und werden wieder haben ein Fotoprojekt und Filmprojekte (2). Und freuen uns über alle Kreativen, die bereit sind den Jungs und Mädels hier Dinge zu zeigen von denen sie vlt. gar nicht wussten daß sie möglich sind!
    (=> To do 2010 ein Kunstprojekt initiieren)
    Jetzt aber Schluß
    MoZaK aka Andreas

  11. Cosimo, der “Checker vom Neckar” ist ja auch der Meinung, dass Hallschlag das Stuttgarter Ghetto sei. Ich werde mich dort bei Gelegenheit mal umsehen, um dieser Behauptung auf den Grund zu gehen.

  12. Hmm.. ich finde irgendwie nicht, dass Hallschlag ein Ghetto ist. xD Ich wohne selbst dort und im Gegensatz zu anderen Stadtteilen ist es dort friedlich. Früher war es viel schlimmer dort, aber jetzt hat sich einiges geändert!

  13. Vanessa, was verstehst Du unter “früher”?
    Immerhin ist der Beitrag auch von 2006.

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