Zwischen den Zeilen: Der Kauf.
by Rozana[Fortsetzung von Zwischen den Zeilen: Zwei Pullover.]
Ein letztes Mal geht sie in das Modegeschäft, zu den Pullovern.
Sie begutachtet die beiden Stücke noch einmal, fährt mit der Hand über den grünen, dann über den orangefarbenen.
Dieses Mal ist aber eine sehr gute Freundin dabei.
- “Hast Du beide anprobiert?”
- “Ja.”
- “Und, welcher gefällt Dir mehr?”
- “Ich weiß es nicht. Deswegen habe ich dich diesmal mitgenommen.”
- “Probier sie nochmal an, ich will sie an dir sehen.”
Sie schlüpft zuerst in den grünen, die Freundin beobachtet sie dabei. Sie ist vorsichtig, sehr vorsichtig, richtet den Pullover nochmal am Hals, zieht die Ärmel zurecht und lupft den Bund erst hoch, dann nochmal runter, über die Hose. Dann krempelt sie die Ärmel hoch, betrachtet sich im Spiegel, mal rechts, mal links, streift die Ärmel wieder runter. Sie scheint sehr unsicher zu sein.
Dann zieht sie ihn wieder aus, langsam, um nicht hängen zu bleiben, faltet ihn wieder sorgsam zurecht und legt ihn zurück.
Sie nimmt den orangefarbenen in die Hand. Schnell schlüpft sie hinein und blickt nur kurz in den Spiegel. Sie weiß, wie sie darin aussieht. Ihr Blick schweift zur Freundin.
- “Und, was meinst du - welchen soll ich nehmen?”
Die Freundin denkt nach. Den grünen Pullover behandelt sie, als wäre er zum Tragen zu wertvoll. Sie scheint sich auch nicht sicher zu sein, wie sie ihn tragen soll. Deswegen die verschiedenen Posen, deswegen das Zurechtrücken. Das Material kenne sie nicht, sagt sie - sie würde ihn wahrscheinlich wirklich selten anhaben, weil sie befürchten würde, sie könnte ihn beim Waschen danach kaputtmachen.
Den orangefarbenen allerdings würde sie oft tragen, sie mag die Farbe. Und sie weiß, wie Wolle zu behandeln ist. Sie würde ihn auch abends tragen, einfach daheim, im Alltag, auch Jahre später, wenn er nicht mehr so gut aussieht wie jetzt. Und orange steht ihr, findet sie zumindest. Außerdem hat sie so viele Sachen, die dazu passen.
Sie schaut ihre Freundin an.
- “Ich wette, es gibt jemanden, dem der grüne Pulli viel besser steht - und es wäre schade, wenn er bei dir im Schrank verstauben würde.”

Die beiden Freundinnen verlassen das Modegeschäft. Sie traut sich nicht, sich nochmals umzudrehen, aber vor ihrem geistigen Auge genießt sie noch ein letztes Mal ihren eigenen Anblick in dem grünen Pullover. Sie schaut auf ihre Hände. In der einen Hand hält sie die Einkaufstüte, in der anderen Hand ein Stück grünen Faden. Sie muss wohl doch hängengeblieben sein.
Sie steckt den Faden in die linke Brusttasche ihrer Jacke, um ihn nicht zu verlieren - und lächelt.





[...] 1] [Teil 2] [Teil [...]